Trautes Heim, Glück allein?
Kymlinge, ein verschneites Dorf in Schweden in dem an einem Wochenende die irgendwie skurril wirkende Familie Hermannson zusammen kommen um zwei Geburstage zu feiern: Den fünfundsechzigsten von Vater Karl-Erik – Lehrer von Beruf, Bildungsbürger par excellence und gerade erst pensioniert – sowie den vierzigsten der ältesten Tochter Ebba, erfolgreiche Ärztin, Mutter zweier halbwüchsiger Söhne und ihrer Ansicht nach weit unter Stand mit einem Supermarktleiter verheiratet.
Weiter sind zu den Feierlichkeiten die jüngste Tochter Kristina – Mitarbeiterin beim Fernsehen- und ihr Ehemann – ein karrierebewusster TV-Produzent – mit dem sie einen leicht autistischen Sohn im Alter von 2 Jahren hat, erwartet.
Eingeladen ist auch das schwarze Schaf der Familie Walter Hermannson. Dieser macht den Jubilaren ein Strich durch die Rechnung in dem er erst gar nicht zu der Feier erscheint. Das geplante rauschende Fest fällt ins Wasser, die Stimmung ist verhalten. Warum ist Walter nicht erschienen. Walter, der bemitleidenswerte Berühmtheit im schwedischen Fernsehen erreicht hat, indem er durch unrühmliches Verhalten in einer Art Dschungelcamp in Übersee mitgemacht hat und dort dummerweise vor natürlich laufenden Kameras beim onanieren erwischt wurde und seitdem Wichswalter genannt wird.
Bei einem ungewöhnlichen Familientreffen verschwinden der ungeliebte Sohn des Patriarchen und ein braver Enkel, während der Rest der Familie Frust und Zorn und Ärger, ja sogar Mordgedanken, mit sich trägt. Man nimmt das Verschwinden zuerst nicht ernst, als aber die zuständigen Polizeibehörden nichts über den Verbleib in Erfahrung bringen, rechnet man mit dem Schlimmsten.
Erst ein halbes Jahr nach der Familienzusammenkunft wird ein Toter entdeckt, dessen Beschreibung zumindest auf einen der Vermissten zutrifft und es wird noch ein weiteres, halbes Jahr vergehen, bis Licht in die grausame Familientragödie kommt.
Und dann kommt Inspektor Gunnar Barbarotti ins Spiel … der aber heillos überfordert ist und mit seinem Ermittlungen nicht vorran kommt. Genauso wie der Leser, tappt auch der Inspektor und sein Ermittlungsteam im Dunklen.
Mit Ruhe und Krimi-ungewöhnlicher Gemütlichkeit führt der Autor den Leser an die Protagonisten (und an ihre Schwächen und Stärken) heran und stellt auch den Herrn Barbarotti in Zeitlupe dar.
Wer einen klassischen Grusel-Gänsehaut-ich-lass-lieber-das-Licht-an erwartet, der hat falsche, nicht aber zu wenige Erwartungen. Die ausführlichen Charakter-Beschreibungen sind zentrale Elemente des Romans. Gelassen und fast schon lässig mit einer sehr hohen Liebe zum Detail und zur Psychologie skizziert Håkan Nesser eine gar nicht so ungewöhnliche Familiengeschichte, dessen Tragödie sich erst ganz zum Schluß dem Leser offenbart, auch wenn man während der Lektüre bereits deutliche Hinweise für eigene Vermutungen erhält.
Barbarotti als neuer Kommissar ist charismatisch, eigenwillig, sympathisch und aus ähnlichem Holz geschnitzt, wie Veeteren. So verwundert es nicht, dass Verlagsrezensionen sich einer Meinung sind: Nesser war nie besser. In der Tat.
Ein gemütlicher Krimi für dunkle und lange Winter- und Feierabende: wer Nesser liebt, wird auch an diesem Romans Gefallen finden, die starken Charakterbeschreibungen werden auch Lesern von Nesbo oder Stieg Larsson gefallen.








